„Non vitae, sed scholae discimus– Ein Ideenaustausch über die Vorbereitung junger Strafgefangener auf ihr Leben nach der Haft“

Eine Tagung des XENOS-Projekts DiaBoLo am 20./ 21. Mai 2014 in der Jugendanstalt Hameln

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe der länderübergreifenden Vernetzung von XENOS-Projekten im Strafvollzug fand die nunmehr vierte Tagung statt. Sie wurde vom XENOS-Projekt „DiaBoLo – Diagnostik, Berufsorientierung, Lebensorientierung“ veranstaltet.

Für zwei Tage öffneten sich die Pforten der Jugendanstalt Hameln für die XENOS-Projektvertreter/ -innen, Mitarbeitende der Justiz, Jobcenter. Bewährungshilfe und Sozialdienste aus allen Bundesländern.

 

Das XENOS-Projekt hatte ein umfangreiches Programm zusammengestellt, das Theoretisches mit konkret Erfahrbarem und mit der Lebensrealität in der bundesweit größten Jugendstrafanstalt zusammenbrachte. Neben Fachvorträgen zum Thema „Schule im Aufbruch“, „Übergangsbegleitung von weiblichen jungen Inhaftierten“ und „Mentoring im hessischen Jugendstrafvollzug“ konnte auch die Jugendanstalt besichtigt werden. Austausch, Information und Diskussion wurde in zahlreichen thematischen Workshops ermöglicht. Die ausgesprochen kenntnisreiche und schwungvolle Moderation durch Sven Bottesch rundete das rundum stimmige Tagungskonzept ab.
Dass „Knast“ nicht gleich „Knast“ ist, kommentierten vor allem diejenigen unter den Teilnehmenden, die in anderen Strafanstalten tätig sind und sich über Anlage, Struktur, offene Türen und die „angenehme“ Atmosphäre im Hamelner Vollzug erstaunt und erfreut zeigten. Kommentare wie „so geht das also auch“ und „bei uns ist es nicht so schön“, zeugten davon.

Ob XENOS-Projekte erfolgreich sein können, hängt nicht zuletzt auch von den institutionellen Gegebenheiten ab. Christiane Jesse, Anstaltsleiterin in Hameln, zeigte sich über die Unterstützung durch DiaBoLo ausgesprochen erfreut. Angesichts von Zahlen wie beispielsweise, dass 98% der Gefangenen nicht über eine Ausbildung verfügen, 62% keinerlei  Schulabschluss haben, sei es ein Riesenerfolg, dass die Häftlinge in ihrer Haftzeit Schulabschlüsse nachholen, Qualifizierungen, Berufsorientierung und Ausbildungen beginnen und teilweise auch beenden können. Diese Erfolge seien auch der unterstützenden Arbeit von DiaBoLo im Berufsorientierungszentrum geschuldet. Mittlerweile können 67% der Strafgefangenen zum Entlassungszeitpunkt einen Ausbildungsplatz oder eine Beschäftigung nachweisen. Die Anstalt werde auch nach Projektende Teile der Projektansätze weiterführen.

Der Vertreterin des niedersächsischen Justizministeriums, Frau Brigitte Elgeti-Starke, liegt das XENOS-Programm mit seinem Anspruch auf Nachhaltigkeit, Verstetigung und Transfer sehr am Herzen: „ Das Ergebnis ist bestechend, der Ertrag, trotz des großen Aufwands, sehr hoch. Viele positive Ergebnisse und Veränderungen hätte es nicht gegeben, wenn wir diese Maßnahmen nicht im Schutzraum der Projekte hätten ausprobieren können.“  Der Erfolg des Projektes DiaBoLo, so Frau Elgeti-Starke, läge auch darin begründet, dass die Projektleitung von Anfang an eng mit der Anstaltsleitung zusammengearbeitet habe. Dadurch konnten für alle Beteiligten passende und passgenaue sowie umsetzungsfähige Angebote entwickelt werden.

Jürgen Zimmermann (LEB) und Katharina Wendt (bfw) vom Projekt DiaBoLo präsentierten im Anschluss die Arbeitsschwerpunkte des Projektes. Das Projekt wird vom  Berufsfortbildungswerk Gemeinnützige Bildungseinrichtung des DGB GmbH (bfw), Hannover in Kooperation mit der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) Niedersachsen e.V. durchgeführt. DiaBoLo ist in Niedersachsen sowohl in der Jugendanstalt Hameln als auch i in der Jugendabteilung des Frauenvollzuges in Vechta aktiv.

Die jugendlichen Strafgefangenen bräuchten gerade bei der Orientierung sehr viel Unterstützung, da sie „sehr weit weg von unserer Welt“ seien. Durch die vielfältigen, auf verschiedenen Ebenen ansetzenden Angebote zur Berufsorientierung würden Selbstfindungs- und Orientierungsprozesse in Gang gesetzt werden, die durch die normalen Schulkurse nicht abgedeckt seien. Die Beschäftigung mit der Frage „was kommt danach“ sei dabei ebenso wichtig wie die Gestaltung und Begleitung des Übergangs von „drinnen“ nach „draußen“. Gerade in einem Flächenland wie Niedersachsen müssten noch Lösungen für die Integrationsbegleitung entwickelt werden, da die Begleitung durch Jobcenter und Arbeitsagenturen nicht ausreiche. Eine Wohnung, Arbeits- und Ausbildungsplätze und ein wohlwollendes soziales Umfeld seien nun einmal die Hauptfaktoren zur Verhinderung von Rückfällen.

Vieles habe sich mittlerweile zum Guten verändert: in der JA Hameln sei die Bedeutung der Berufsorientierung mittlerweile institutionell angekommen. Die Nachfrage und der Bedarf nach diesen Angeboten sind deutlich höher als ursprünglich geplant. Durch die Maßnahmen zur Lebensorientierung könne man zudem in der Haftzeit sehr viel bewirken.

Jens Tiedemann von der staatlichen Gewerbeschule Bautechnik in Hamburg fragte in seinem Fachvortrag „Schule im Aufbruch“ danach, wie Bildung heute aussehen muss, damit sie junge Menschen adäquat auf das weitere Leben vorbereitet. In der Hamburger Schule wurde mit der dualisierten Ausbildungsvorbereitung etwas ganz Neues begonnen. Die Schülerinnen und Schüler der Gewerbeschule können zum großen Teil auf eine klassische schulische (und private) Misserfolgsbiographie zurückblicken. Durch das neue Konzept einer individuellen Betreuung, besonders im betrieblichen Bereich, dem Mentorenprinzip (eine Lehrkraft betreut ca 6 Schüler/-innen), die betriebliche Ausrichtung, Teamorientierung und regelmäßige Lehrstands- und Feedbackgespräche sei es gelungen, eine „Lernkultur der Potenzialentfaltung“ mit sehr positiven Auswirkungen zu etablieren. Tiedemann plädierte dafür, das alte tradierte Schulsystem zugunsten einer Stärken- und Ressourcenorientierten Schule hinter sich zu lassen.

Während der Besichtigung der Jugendanstalt  konnte man sich in Gesprächen mit Werkmeistern in den Betrieben über die betriebliche Ausbildung fachkundig machen sowie in anderen Bereichen, wie der Aufnahmeabteilung, U-Haft, in der Abteilung der Drogentherapie , sozialtherapeutische Abteilung, Sicherheitsabteilung und Fachbereich Schulische Bildung mehr über die jeweiligen Schwerpunkte und Vorgehensweisen erfahren. Die „Austauschbar“ am Nachmittag führte die Teilnehmenden zu den Themen 2. Bildungsweg, Bildung, Erziehung, Grundbildung, Integrationsbegleitung und den Befragungsergebnisse der Studie „Wege aus der Haft. Erste Ergebnisse der Basisbefragung junger Strafgefangener in XENOS-Projekten“ des Deutschen Jugendinstituts.

Bei bestem Wetter klang der Tagungstag in einem schönen Biergarten an der Weser mit munterem fachlichem Austausch aus.

Für die XENOS-Projektmitarbeitenden begann der zweite Tag in aller Frühe, da vor Tagungsbeginn das Arbeitstreffen der Vernetzungsinitiative Strafvollzug stattfand. Es galt, die weiteren Tagungen und Publikationen zu besprechen.Vernetzungstreffen der XENOS-Strafvollzugprojekte

Katharina Wendt gab in ihrem Vortrag „Übergangsmanagement und Integrationsbegleitung von weiblichen jungen Inhaftierten in Niedersachsen“ einen eindrücklichen „Werkstatteinblick“. Die geringe Anzahl weiblicher Inhaftierter (nur 5% aller Häftlinge sind weiblich) führe dazu, dass diese oftmals „hinten runter fielen“ und die Frage: „was brauchen eigentlich junge inhaftierte Frauen“ gar nicht gestellt würde. Durch die geringe Anzahl haben die jungen Frauen nicht die gleiche Möglichkeit wie männliche Gefangene, sich beruflich zu orientieren, da es deutlich weniger Angebote gibt. Zudem stelle sich das Problem, dass sehr viele klassische Berufsfelder wegfielen, weil viele der Insassinnen wegen Betrugs- und Diebstahlsdelikte verurteilt wurden. Da Frauen anders straffällig werden als Männer, stellen sich auch andere Herausforderungen in der Integrationsbegleitung. Gerade bei den jungen Frauen, die vielfach Opfer waren bevor sie Täterinnen wurden, sei die Entlassungsvorbereitung und die Integrationsbegleitung ganz entscheidend für den weiteren Weg. Lockerungen während des Vollzugs, zum Beispiel zur Durchführung von Bewerbungsgesprächen, seien ebenso notwendig wie adäquater Wohnraum. Die Unterbringung von jungen Frauen in Übergangswohnheimen sei untragbar, das „zurück zu den Eltern“ in den meisten Fällen leider eine ebenfalls schlechte Alternative.

Iris Krüninger, DiaBoLo-Mitarbeiterin aus der JVA für Frauen in Vechta stellte exemplarisch die (Erfolgs) -Geschichten von zwei jungen Frauen vor, die sie bei der Berufsorientierung begleitet hat. Neben all den bereits bekannten Problemen sei es leider auch immer noch so, dass die Mitarbeitenden der Jobcenter häufig Vorurteile hätten und die Frauen hier auf die Unterstützung durch die Integrationsbegleitung angewiesen seien.

Die anschließenden Workshops boten eine gute Gelegenheit, um aktivierende, motivierende und stärkende Ansätze kennenzulernen. Wie wichtig Austausch und Information sind, zeigte sich hier ganz konkret. Die guten Angebote in der JA Hameln im Bereich Sensomotorik waren anderen Kolleg/ -innen gar nicht so bekannt. Durch die Erfahrungen im Workshop werden diese nun auch in anderen Angeboten übernommen werden. Ergo: Transfer ist möglich. Im Großen wie im Kleinen. Transferiert wird hoffentlich auch der von Holger Hegekötter vom bipp Bremen (fit for life) geprägte Begriff „verhaltensoriginelle Schüler/ -innen“ für das pejorative “verhaltensauffällig“.

Der lebhafte Austausch setzte sich beim hervorragenden, von den Insassen der JA Hameln liebevoll vorbereiteten Mittagessen fort.

Im letzten Fachvortrag stellte Dr. Lutz Klein von der bfw das „Mentoring im hessischen Jugenstrafvollzug“ vor. Man müsse eine zeitgemäße Form zur Vermeidung von Rückfällen finden. Mentoring sei dafür, unter Berücksichtigung bestimmter Regeln, sehr geeignet. Durch die sorgfältige Auswahl geeigneter Mentor/ -innen und gezieltes Matching zwischen Mentee/ Mentor/ -in dienten die Mentor/ -innen als Expert/ -innen für die Integration in den jeweiligen sozialen Empfangsräumen. Durch geringe Fallzahlen könnte zudem der Beziehungsaspekt ganz anders genutzt werden. Zudem sie dies auch als Chance für den Aufbau stabiler nicht-delinquenter sozialer Netzwerke und beispielhafter alternativer (vorbildhafter) Lebensentwürfe zu begreifen.

Ganz zum Schluss überreichte Katharina Wendt den „Veranstaltungsstaffelstab“, in diesem Falle ganz passend ein Diabolo, an die Projektvertreter/ -innen von Ninja, die die nächste „Strafvollzugstagung“ am 4. und 5. September in Wiesbaden organisieren werden.

„Herzerfrischend, erwärmend, Lobby, Emotion, Lernen und Freude“ waren die spontanen Begriffe, die den Teilnehmenden zum Schluss der Tagung in den Kopf kamen. Was gibt es dem noch hinzuzufügen?

Kontakt: Projekt DiaBoLo, Katharina Wendt,Spichernstraße 11, 30161 Hannover, Tel.: +49 (0)511-1640164
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Bericht und Fotos: Elke Biester, XENOS Panorama Bund/ CONVIS Consult & Marketing GmbH

 

 


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Das Projekt "XENOS Panorama Bund" wird im Rahmen des Bundesprogramms „XENOS – Integration und Vielfalt“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert.