"Modulare Qualifizierung im Strafvollzug“ - Fachtagung des XENOS-Projekts Transit

Bericht über die Fachtagung "Modulare Qualifizierung im Strafvollzug“„ des XENOS-Projekts Transit  am 4. und 5. November 2013 in Berlin, Justizvollzugsanstalt Plötzensee


Das Thema Modulare Qualifizierung wird in Fachkreisen der beruflichen Bildung breit diskutiert. Im Strafvollzug bewährt sich Modulare Qualifizierung vor allem für diejenigen, die an keiner Vollausbildung über zwei oder drei Jahre teilnehmen können, so aber Teilkompetenzen erwerben. Die Fragen, die „drinnen“ wie „draußen“ geklärt werden müssen, ähneln sich: Es geht beispielsweise um die Anerkennung von Modulen oder um ihre Beschäftigungswirksamkeit. Vieles ist in Bewegung, zahlreiche gute Ansätze werden bereits umgesetzt.

Dennoch lautet die zentrale Botschaft der Tagung: Im Strafvollzug wird zu viel Gewicht auf die bloße Beschäftigung der Strafgefangenen gelegt, der Aspekt der Qualifizierung sollte deutlich intensiviert werden und stärker Arbeitsmarkt bezogen sein. Einig sind sich die Teilnehmenden der Tagung darüber, dass die modulare Qualifizierung ein wichtiger Baustein der Resozialisierung von Straffälligen ist, sofern die Akteure Drinnen und Draußen gut miteinander kooperieren. Damit die Übergänge vom Vollzug in die Gesellschaft besser gelingen können, müssen die Mauern ein Stück weit durchlässiger werden. Eine Herkulesaufgabe! Die Tagung zeigte eindrücklich, wie man diese Aufgabe in Berlin und anderswo angeht und dass sie lösbar ist.

Mehr als 70 Teilnehmende kamen und verdeutlichten das große Interesse am Thema: Mitarbeitende und Verantwortliche aus den zuständigen Senatsressorts, den JVAen und Vollzugsanstalten, den Sozialen Diensten der Justiz, den Jobcentern und nicht zuletzt Berufsbildende und Projektverantwortliche Freier Träger. Die Veranstaltung erhielt zusätzliche Farbe durch die Einbeziehung von Fachleuten und Projektvertreter/ -innen von XENOS-Projekten aus NRW, Hessen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und MV.  Damit wurden Länder- und Projekt übergreifende Vergleiche und Überlegungen möglich.
Die zentrale Aussage der Tagung war: Modulare Qualifizierung kommt in besonderer Weise den spezifischen Merkmalen und Bedürfnissen von Inhaftierten entgegen: weil sie häufiger schul- und theoriefern, dafür öfter praxisnäher sind und sich mit kontinuierlicher Arbeit und Lernen eher schwertun. Modulare Qualifizierung ist ein niedrigschwelliger Qualifizierungsansatz.

Im Vergleich zu einer anspruchsvollen dualen Ausbildung, die zwei bis drei Jahre dauert und damit eine lange Haftstrafe bei den Insassen voraussetzt, kann sie in überschaubaren zeitlichen und thematischen Abschnitten absolviert werden. Aber auch die Kombinierbarkeit der Module und ihre Flexibilität im Hinblick auf wechselnde berufliche Anforderungen sind ein gewichtiges Argument – eine Vollzugsanstalt kann leichter ein modulares Qualifizierungsangebot entwickeln, und dabei ggf. aus vorhandenen Ressourcen schöpfen, als ein komplettes Ausbildungsangebot vorzuhalten. Zahlen belegen, dass noch wesentlich mehr Qualifizierungsangebote realisiert werden könnten, wenn es gelänge, die Potentiale der Inhaftierten besser zu erkennen, beispielsweise über Kompetenzfeststellungen. Zudem steigere es die Motivation, wenn mit realistischen Aussichten auf dem Arbeitsmarkt geworben werden kann.

Damit solche Effekte entstehen können, bedarf es allerdings eines gut funktionierenden Zusammenspiels der Akteure untereinander und ebenso des Einbezugs unterschiedlicher Hierarchieebenen: „bottom up“ und „top-down“sind angesagt. Des Weiteren sind bessere Kooperationen zwischen den Anstalten untereinander nötig, um Synergien zu ermöglichen. Dies gilt gleichfalls für Kooperationen zwischen den Anstalten und den für eine Resozialisierung letztlich mit entscheidenden Akteuren außerhalb: Jobcenter/BA, den Kammern, sozialen Diensten, Trägern. Leichter gesagt als getan. Insider wissen: jede JVA ist ein eigenes Universum, eine geschlossene Gesellschaft in mehrfacher Hinsicht. Zur Öffnung sind gleich mehrere Schlüssel vonnöten.

Das Projekt Transit versteht sich hier als Türöffner, Brückenbauer und Moderator zugleich und hat es geschafft, die vielen verschiedenen Akteure immer wieder an einen Tisch zu holen. Ein Mitarbeiter des Jobcenters Marzahn berichtete, wie er in einem von Transit angeregten Arbeitskreis mit Vollzugskolleg/ -innen seine Aufgabe als Fallmanager erst  wirksam umsetzen konnte, nachdem er sich über die „Herkunft“  seines entlassenen Klienten in der JVA informiert hatte. „Nachdem ich mit dem Meister gesprochen und die Werkstatt vor Ort angesehen hatte, konnte ich mir ein genaueres Bild von meinem Klienten machen und ihm letztlich viel gezielter, seinem persönlichen und beruflichen Profil angemessene Jobangebote machen, als dies nach Aktenlage (wie üblich) möglich gewesen wäre“ Dies wurde auch von anderen Akteuren bestätigt: Runde Tische, direkte Austauschmöglichkeiten (wie auch auf der aktuellen Tagung) mit Mitarbeitenden auf allen Hierarchieebenen verbessern die Kommunikation, Motivation und letztlich den Vermittlungserfolg.

Dies gilt auch für die weiteren Akteure, die am Übergangsgeschehen beteiligt sind: Modulare Qualifizierung bedarf einer intensiven Abstimmung zwischen der IHK bzw. der HWK und dem Strafvollzug. Die Kammern autorisieren die Module und entscheiden damit als Dritte Instanz (nach JVA und Jobcenter) ob ein Qualifizierungsmodul draußen anerkannt und damit als Kompetenzausweis und Jobchance funktionieren kann. Bei solchen Abstimmungen geht es nicht nur um grundsätzliche Kooperationsroutinen, sondern um sehr praktische Lösungen, etwa ob Prüfungen innerhalb oder außerhalb der Mauern abgenommen werden.

Auch der Austausch der XENOS–Vertreter/ -innen und weiterer Teilnehmender aus der Praxis über ihre Projekterfahrungen in anderen Bundesländern war inspirierend und bestätigte: Jeder Vollzug ist anders und doch ähneln sich die Rahmenbedingungen. Auf der anderen Seite ergab der Vergleich einer Kooperationsvereinbarung zwischen BA und Justiz in NRW mit ähnlichen Kooperationsvereinbarungen in Hessen und Schleswig Holstein gewaltige und entscheidende Unterschiede. Während die Eine ganz präzise Umsetzungsdetails inkl. Budgets für das Kooperationsmanagement umfasst, fehlen diese bei der Anderen. Die Konsequenzen kann man sich leicht ausmalen: dort läuft auch die Umsetzung gut, hier eher zäh. Ein weiteres Beispiel: Jobcenter in Hessen legen bestimmte Paragrafen des SGB II weiter aus als Jobcenter in Berlin (oder umgekehrt in anderen Fällen); mit der Folge, dass vollzugliche Qualifizierungsangebote dort möglich sind, hier nicht. Solche Erfahrungsaustausche regen an, den eigenen Spielraum zu erweitern, ungenutzte Finanzierungsinstrumente einzusetzen oder beim Aufbau strategischer Partnerschaften genau hinzuschauen und sehr konkret zu gestalten.

Transit ist ein XENOS-Projekt, das vom FrauenComputerZentrumBerlin (FCZB) initiiert wurde.  Ursprünglich geriet der Träger über IKT-Qualifizierungsangebote an den Frauen-Vollzug; heute ist er anerkannter Akteur im Bereich des vollzuglichen Übergangsmanagements. Die Arbeit des Projekts zeigt sehr anschaulich, wie es gelingen kann, gute Praxis auch nach Projektende zu verstetigen und zu verankern: Kommunikationsstrukturen in Form Runder Tische und Arbeitskreise haben sich quasi verselbständigt und sind integraler Bestandteil des Alltagshandelns der Akteure geworden; modulare Qualifizierungsangebote wurden entwickelt und zertifiziert.

Bericht: Rudolf Netzelmann unter Mitarbeit von Elke Biester
Fotos: Transit

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