Fachtagung „Lernort: Jugendstrafvollzug - Zielort: Arbeitsmarkt“ Bilanz und Perspektiven

1. Tag Fachtagung Lernort Jugendstrafvollzug, Foto: Marcel Bracht, MACSAm 3. und 4. November 2014 fand in Düsseldorf die Fachtagung „Lernort: Jugendstrafvollzug - Zielort: Arbeitsmarkt“ statt, durchgeführt im Auftrag des nordrhein-westfälischen Justizministeriums vom Kriminologischen Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen (KrimD NRW). Die Veranstaltung fand im Rahmen des Modellprojekts MACS  in Kooperation mit der bundesweiten Transfer- und Vernetzungsstelle XENOS Panorama Bund statt. Sie beleuchtete die gesellschaftspolitische Bedeutung des Übergangsmanagements zur beruflichen Wiedereingliederung von Strafgefangenen und Haftentlassenen und dabei insbesondere Themenkomplexe wie „Motivierung, Aktivierung und Case-Management im und nach Strafvollzug“, die das Projektkürzel „MACS“ prägen.  

 

Projektleiter MACS, Wolfgang WirthKeineswegs nur Bilanz ziehen wollte die Düsseldorfer Fachtagung, die gleichzeitig Abschlussveranstaltung der länderübergreifenden Zusammenarbeit mehrerer Modellprojekte des Bundesprogramms “XENOS - Integration und Vielfalt“ war. Vielmehr sollte sie nach Vorgabe von Tagungsleiter Wolfgang Wirth vom Kriminologischen Dienst des Landes NRW „wegweisende Impulse setzen sowie konkrete Vorschläge für Projekte und Initiativen erarbeiten, um das Übergangsmanagement im und nach Strafvollzug weiter zu optimieren.“Justizminister Kutschaty, Fachtagung MACS

Die Zukunftsorientierung der Veranstaltung korrespondierte mit der „programmatischen Bedeutung für den Strafvollzug“, die NRW-Justizminister Thomas Kutschaty dem MACS-Projekt beimaß, der zugleich die „wertvolle Arbeit“ aller weiteren XENOS-Projekte im Handlungsfeld „Übergangsmanagement im und nach Strafvollzug“ würdigte. Einmal mehr betonte er, dass die Re-Integration ehemaliger Strafgefangener nicht nur eine kriminalpolitische, sondern auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe ist und verortete sie im Kontext der nordrhein-westfälischen Präventionspolitik, wie sie in den Landesinitiativen „Kein Kind zurücklassen“ und „Kein Abschluss ohne Anschluss“ zum Ausdruck kommt. „Dabei ist der Strafvollzug“, so der Minister in Anspielung auf den Veranstaltungstitel, „nicht bester Lernort, aber vielleicht die letzte Chance“ für viele junge Inhaftierte

Johannes Sandmann vom Ministerium für Justiz, Kultur und Europa des Landes Schleswig-Holstein, Fachtagung MACS, Foto: M.Bracht, MACSSie nutzen zu können, setzt nach seiner Ansicht eine intensive Zusammenarbeit relevanter Akteure vor allem aus den Bereichen Justiz und Arbeitsmarktpolitik, aber auch „einen länderübergreifenden Austausch“ voraus. Damit fand er sich in Übereinstimmung mit Johannes Sandmann vom Ministerium für Justiz, Kultur und Europa des Landes Schleswig-Holstein, der die nordrhein-westfälische Gemeinschaftsinitiative „B5“ als „Riesenschritt in diese Richtung“ interpretierte. Aus Urteilen des Bundesverfassungsgerichts sowie bestehender Bundes- und Ländergesetze leitete er die „Pflicht zur nachhaltigen Entlassungsvorbereitung“ ab, womit für ihn der Aufbau eines flächendeckenden Übergangs- und Nachsorgemanagements für (ehemalige) Strafgefangene zu einem „zentralen Thema in allen Bundesländern“ avanciert. Die Gemeinschaftsinitiative B5, so Sandmann, setze dies beispielhaft um, indem Justizverwaltung und Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit die berufliche Wiedereingliederung der Inhaftierten als gemeinsame Aufgabe betrachten und dies auch mit ihrer Zusammenarbeit im Modellprojekt MACS dokumentieren.

Lohnende Investition

Prof. Hans-Jürgen Kerner, Eberhard Karls Universität Tübingen, Foto: Marcel Bracht, MACSDass sich das nordrhein-westfälische Projekt „MACS“ mit seinen Zielen und Themenstellungen auf einem wichtigen, gleichwohl noch unzureichend erforschtem Terrain bewegt, attestierte ihm, aber auch den anderen, im selben Handlungsfeld aktiven XENOS-Projekten in Düsseldorf kein Geringerer als der international renommierte Tübinger Kriminologe Professor Hans-Jürgen Kerner: „Es gibt kaum wissenschaftliche Studien zu arbeitsmarktpolitisch ausgerichteten Maßnahmen im Strafvollzug, die der Komplexität des Themas gerecht werden.“

Wie vielschichtig das Thema ist, illustrierte er gleich anschließend mit seinen Befunden aus der Legalbewährungsforschung und hier etwa zur „Dynamik von Desistance-Prozessen“, sprich: beim Ausstieg aus der kriminellen Karriere. Mit einer Kombination von Maßnahmen, die den Lebenskontext der Jugendlichen berücksichtigen, kann die Reintegration in Arbeit und Gesellschaft gelingen.
Er plädierte für einen „Wechsel der grundlegenden Betrachtungsperspektiven: weg vom Rückfall und hin zur Legalbewährung“, also einfach mal zu fragen: „Wieso klappt`s?“. Seinen Vortrag schloss er mit der Einsicht, dass der Resozialisierung ohne schulische und berufliche Qualifizierung der Gefangenen ein zentrales „Basis-Element“ fehle - das zu schaffen eine „positiv orientierte Investition auf Zukunft“ sei.

Prof. Dr. Horst Entorf, Goethe-Universität Frankfurt a. M., Foto: M.Bracht, MACSÖkonomische Erkenntnisse aus der Evaluationsforschung steuerte Prof. Dr. Horst Entorf von der Goethe-Universität in Frankfurt bei. Er vermisste „verlässliche Langfrist-Daten zur Wirkung individueller Resozialisierungsmaßnahmen“, warnte vor vereinfachenden „Scheinkorrelationen“ zwischen Arbeitsmarktintegration und Rückfallquoten und mahnte an, intervenierende Variablen wie das Lebensalter, die persönliche Reife jugendlicher Strafgefangener, aber auch ihre Normakzeptanz und Motivation sowie familiäre Hintergründe und soziale Bindungen mit in den Blick zu nehmen. Weil für die meist gering qualifizierten Strafgefangenen „das Hochlohnland Deutschland ein schlechter Nachfragemarkt“ ist, lohnen sich auch nach seiner Ansicht Investitionen in die Qualifizierung und die Verbesserung der Arbeitssituation (ehemaliger) Strafgefangener, sofern sie mit der Bearbeitung weiterer Problemlagen kombiniert werden.

Vernetzung und Verstetigung

Prof. Dr. Rolf Rainer, Wendt,Vorstand Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management Foto: Marcel Bracht, MACSDamit hatte er zugleich den Grundgedanken des Case Management thematisiert, das Prof. Dr. Rainer Wendt von der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management als „die fallweise Wegleitung bei der Bewältigung komplexer Problemlagen“ definierte. Sie ist indes nur möglich, wenn es gelingt, die Maßnahmen im und außerhalb des Strafvollzugs besser miteinander zu verknüpfen. Im „Neben- und Nacheinander der Problembearbeitung“, so der Wissenschaftler, sorgt Case Management für ein „continuum of care“, wobei das „life management“ eines jugendlichen Strafgefangenen auf das System, gleichzeitig aber auch das System des Strafvollzugs auf die Lebensbewältigung ausgerichtet sein muss: „Es genügt nicht, das Case Management an eine Person zu delegieren, denn es ist ein
systematisches Verfahren der Kooperation“.

Matthias Müller, DJI, Foto: Marcel Bracht, MACS1. Tag Fachtagung Lernort Jugendstrafvollzug, Foto: Marcel Bracht, MACSEin „Verfahren der Kooperation“, das in Nordrhein-Westfalen in der Tat „systematisch“ auch Arbeitsagenturen und Jobcenter einbezieht, die laut der von Matthias Müller vom Deutschen Jugend-Institut vorgetragenen Ergebnisse einer nicht-repräsentativen Befragung jugendlicher Strafgefangener bislang noch nicht hinreichend „als Ratgeber wahrgenommen werden“, die aber wichtige „Akteure im Eingliederungsprozess“ sind.

Dirk Strangfeld, Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit, Foto: Marcel Bracht, MACSEin Hinweis, den Dirk Strangfeld von der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit (BA) aufgriff und zugleich die „Implementation einer Nachsorgestruktur“ sowie „Ergänzungs- und Stabilisierungsmaßnahmen“ im Kontext der Gemeinschaftsinitiative „B5“ ankündigte. „Mit einem ersten Beratungsgespräch ist es nicht getan“, räumte er ein, erforderlich sei „eine umfassendere Integrationsplanung“ - ein Vorhaben der Regionaldirektion NRW, zu dem auch, in Kooperation mit der Justiz,
die Schulung von Übergangsmanagerinnen und -managern, die stärkere Nutzung des Arbeitsmarktmonitors der BA sowie die Einbindung von Schul- und Arbeitsministerium auf Landesebene gehört.

Staffelstabübergabe an Thomas Becker, BMAS, Fachtagung MACS, Foto: Marcel Bracht, MACSAus Sicht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, in Düsseldorf vertreten durch Thomas Becker, haben die XENOS-Projekte den Unterstützungsbedarf im Jugendstrafvollzug bundesweit identifiziert. Sie weisen „erfreuliche Integrationsquoten“ auf und ihr „strategisch-struktureller Ansatz“ sowie ihre Begleit- und Integrationsangebote haben sich bewährt, der Aufbau von Netzwerken ist gelungen: „Jetzt steht die Verstetigung der Ansätze an“. Allerdings sei die Arbeit im Strafvollzug in erster Linie „Sache der Länder“, Das BMAS  werde aber auch künftig die Zielgruppe der Haftentlassenen berücksichtigen. Dazu sollen die erfolgreichen XENOS-Ansätze wie auch die von zwei weiteren Bundesprogrammen zukünftig in die „Integrationsrichtlinie Bund“ einfließen. Ihr Ziel ist, Personen mit besonderen Schwierigkeiten beim Zugang zu Arbeit oder Ausbildung „stufenweise und nachhaltig“ in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Highlights und Zukunftsvorschläge

Highlights der Projekte, Fachtag MACS, Tag 2, Foto: M.Bracht, MACSDer zweite Tag der Veranstaltung stand ganz im Zeichen der Praxis - und der Zukunft. Moderiert von Elke Biester von XENOS Panorama Bund stellten sieben XENOS-Projekte Highlights ihrer Erfahrungen und Erfolge vor. Dazu zählen etwa die unbedingt erforderliche Zusammenarbeit von Werkbetrieb und sozialem Dienst im Strafvollzug (TRANSIT, Berlin), die Ausrichtung von beruflichen Orientierungs- und Bildungsmaßnahmen auf eine zukünftige Regelförderung (DIABOLO, Niedersachsen), der Aufbau von Dienstleistungsketten inklusive Kooperationsvereinbarungen zwischen Vollzug, Arbeitsagenturen und Jobcentern (ESA, Baden-Württemberg), der Aufbau funktionierender Netzwerke auch mit Unternehmen (NINJA, Hessen, und PROFIL, Mecklenburg-Vorpommern), die Schaffung arbeitstherapeutisch orientierter Projekte auch für „schwere Fälle“ (STEP BY STEP, Bremen) sowie  die Motivierung der Gefangenen, die Professionalisierung des Personals und die Strukturierung der Übergänge zwischen Justiz- und Arbeitsverwaltung in dem nordrhein-westfälischen MACS-Projekt.

In sechs Foren - „Motivierung von jungen Gefangenen“, „Modularisierung beruflicher Förderung“, „Professionalisierung des Personals im Case Management“, „Aktivierung des Ehrenamts“, „Fallbezogene Vernetzung vor Ort“ sowie „Fallübergreifende Vernetzung mit Arbeitsmarktakteuren“ - diskutierten die Teilnehmenden der Veranstaltung anschließend, welche Aktivitäten trotz aller Erfolge noch ausstehen und mit welchen Partnern sie umzusetzen sind, um so, wie Wolfgang Wirth formulierte, „schon heute die Highlights der Zukunft vorzubereiten“.

Statt einer Wiedergabe der Fülle an „Zukunftsvorschlägen“ hier nur ein Resümee, das zum Abschluss der Veranstaltung ungeteilte Zustimmung fand. Danach wird die Bedeutung der im Strafvollzug geleisteten Arbeit für die berufliche Wiedereingliederung der jungen Gefangenen anerkannt, zugleich aber auch darauf hingewiesen, wie wichtig die gesellschaftliche Unterstützung  des Strafvollzugs zur erfolgreichen Wahrnehmung seiner schwierigen Aufgabe ist.

Angekündigte Analyse

Podiumsdiskussion, Tag 2, Fachtag MACS, Foto: M.Bracht, MACSIn einem abschließenden Podiumsgespräch betonte Herbert Schenkelberg vom Justizministerium des Landes Nordrhein-Westfalen insofern noch einmal die gesellschaftspolitische Relevanz eines optimierten Übergangsmanagements im Strafvollzug: „Die Strafgefangenen von heute sind unsere Nachbarn von morgen“, und Rudolf Netzelmann von XENOS Panorama Bund forderte dazu auf, „nicht nur in Projekten zu denken, sondern deren Expertisen zusammenzuführen und in die Fläche zu transferieren.“

Angesprochen hatte er damit das Thema „Netzwerk“, das sich in allen Phasen der Veranstaltung als zentraler Begriff zur Verstetigung bisheriger Erfolge herauskristallisierte. Die Vernetzung „voranzutreiben und zu fördern“ sehe auch das Bundesarbeitsministerium als seine Aufgabe an, versicherte Thomas Becker und schränkte zugleich ein, „wenn auch in vergleichsweise kleinerem Maße“.

Susanne Gerlach von der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz in Berlin setzte sich, wie schon am Vortag die politischen Vertreter aus Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein, für den Aufbau „länderübergreifender Netzwerkstrukturen“ ein. Eine Auffassung, die Herbert Schenkelberg vom Justizministerium NRW uneingeschränkt teilte, vorausgesetzt es gelinge die konkrete Ausgestaltung notwendiger Netzwerkstrukturen vorab exakt zu analysieren. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Wolfgang Wirth vom Kriminologischen Dienst versprach, die Vertreterinnen und Vertreter der XENOS-Projekte noch einmal mit dem Ziel einzuladen, diese Analyse  und daraus abzuleitende konkrete Handlungsempfehlungen auf der Grundlage der Tagungsergebnisse bis Ende des Jahres zu liefern.

 

Bericht: Paul Pantel, Freier Journalist, Fotos: Marcel Bracht, MACS

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Das Projekt "XENOS Panorama Bund" wird im Rahmen des Bundesprogramms „XENOS – Integration und Vielfalt“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert.